Deutschland, Frankfurt

"Die Zünder haben nur etwas Patina und sind in einem super Zustand"

Es wird die größte Evakuierung der Nachkriegszeit: Am Sonntag müssen mehr als 60 000 Frankfurter ihre Wohnungen verlassen. Dieter Schwetzler bleibt - der Sprengmeister muss die 1,8 Tonnen schwere Bombe entschärfen.

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Die Bombe, die gerade in Frankfurt gefunden wurde, nannten die Briten im Zweiten Weltkrieg "Block Buster". Sie explodierte in der Luft und hatte eine verheerende Wirkung. Dieses Exemplar explodierte nicht. Deswegen kommt es am Sonntag zur größten Evakuierung in der Nachkriegszeit. Als Leiter des Kampfmittelräumdienstes Hessen ist Sprengmeister Dieter Schwetzler dafür zuständig, dass mehr als 60 000 Menschen am Abend wieder in ihre unversehrten Wohnungen zurückkehren können. Der 61-Jährige wird mit einem Kollegen den "Block Buster" entschärfen.

SZ: Herr Schwetzler, Sie haben eigentlich Urlaub.

Dieter Schwetzler: Stimmt. Ich war gerade mit meiner Ehefrau in Mainz Möbel kaufen, als ich die Nachricht von der Bombe erhielt.

Statt Möbel aufzubauen müssen Sie den Sonntag jetzt mit einer Bombe zubringen.

Das ist mein Job. Und wenn so ein Highlight da ist, bricht man als Leiter des Kampfmittelräumdienstes seinen Urlaub gerne ab. Aus Spanien wäre ich jetzt nicht extra angereist und für eine Fünf-Zentner-Bombe oder so auch nicht. Aber für so ein Riesen-Ding...

Sie haben seit 42 Jahren mit Bomben zu tun - in Frankfurt wartet jetzt eine 1,8 Tonnen schwere Luftmine auf Sie. Haben Sie eine derartige Bombe schon einmal entschärft?

Weder mein Vorgänger beim Kampfmittelräumdienst noch ich haben je ein Exemplar dieses Ausmaßes entschärft. Gesehen habe ich eine solche Bombe aber schon: An Weihnachten war ich mit meinen Kollegen zur Amtshilfe bei der Entschärfung in Augsburg. Die Bombe dort war von der Größe her identisch mit der in Frankfurt.

Sie wurden bei der Bundeswehr ausgebildet, waren Fachmann für alles, was mit Munition zu tun hat. Können Sie diese Frankfurter Bombe etwas näher beschreiben?

Wir bekommen es mit einer Luftmine zu tun, die im Vergleich etwa zur Schwabinger Bombe ganz anders gebaut ist. In München-Schwabing ist 2012 eine Splitterbombe explodiert, deren Zweck es war, große Schäden am Boden zu verursachen. Die Frankfurter Bombe sollte in der Luft explodieren. Sie ist dünnwändig, mit hohem Sprengstoff-Anteil: 1,4 Tonnen. Sie wurde konstruiert, um Häuser abzudecken und Mauern abzureißen. Solche Bomben machten den Weg frei für Brandbomben, die anschließend ein Flammeninferno entfachten.

Bei etwa 75 Luftangriffen auf Frankfurt wurden mehr als 26 000 Tonnen Bomben auf das Stadtgebiet abgeworfen. Innenstadtteile wurden zu mehr als 70 Prozent zerstört. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum diese Bombe nicht explodiert ist?

Das kann tausend Ursachen haben. Man kann nicht genau sagen, warum sie nicht hochgegangen ist, ob zum Beispiel eine Unterbrechung in der Zündkette die Detonation verhindert hat.

Aber Sie können sagen, wie Sie sie entschärfen werden.

Es ist eine besonders schwierige Bombe, weil sie drei Zünder besitzt. Normalerweise haben Bomben einen oder zwei Zünder. Und weil sie von den Briten kam, sind diese aus Messing, nicht wie bei den Amerikanern aus Stahl. Deren Zünder sind inzwischen verrostet. Die Frankfurter Bombe lag zwar mehr als 70 Jahre im Boden, die Zünder haben aber nur etwas Patina, sind in einem super Zustand und noch immer brandgefährlich.

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Sprengmeister Dieter Schwetzler, Leiter des Kampfmittelräumdienstes Hessen. Quelle: Regierungspräsidium Darmstadt

Wie werden Sie die Zünder entfernen?

Zwei Leute gehen an die Bombe, um die Zündeinrichtung unschädlich zu machen: Ein Kollege und ich. Wir werden eine sogenannte Raketenklemme anbringen. Wie ein Schraubstock, an dessen beiden Enden eine Katusche mit Schwarzpulver angebracht wurde. Die wird dann elektronisch gezündet, dreht sich schlagartig und löst den Zünder hoffentlich komplett ab.

Sie entschärfen eine Bombe also mit einer Explosion?

Genau. Falls das nicht funktioniert, schneiden wir die Zünder nacheinander mit einem 700 bar starken Wasserstrahl raus.

Und dann?

Wenn alles gut läuft, wird die Bombe sofort nach Niedersachsen abtransportiert. Ihre Größe überschreitet unsere Kapazitäten im hessischen Kampfmittelräumdienst in Darmstadt.

In Frankfurt wird die größte Evakuierung der Nachkriegsgeschichte stattfinden. Und Sie erleben die riesige Bombe hautnah - macht Sie das, trotz all Ihrer Erfahrung, nervös?

Selbstverständlich. Wer bei einer solchen Aufgabe keine Nervosität spürt, ist als Sprengmeister ungeeignet. Wer nicht nervös ist, wird unvorsichtig.

Mit welchen Gefühlen denken Sie an Sonntag?

Ich schlafe unruhig, aber das geht schon. Jeder sucht sich seinen Beruf selbst aus, meiner ist natürlich etwas gefährlicher als andere, aber er macht auch Spaß. Ich bin guter Dinge, dass am Sonntag alles so abläuft, wie es soll.

Quelle: sueddeutsche.de

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